Jochen Kötter Pianist und Klavierlehrer in Hagen
3. Jedem Kind ein Instrument
Die Max–Reger–Musikschule in Hagen im Rahmen des Projekts Jedem
Kind ein Instrument (JeKi) ab dem zweiten Schuljahr an ausgesuchten Grundschulen
auch Klavierunterricht in Gruppen von bis zu 6 Kindern an. Da das Klavier nicht
originärer Bestanteil des JeKi–Projektes ist, habe ich
in 2008/09 im Auftrag der Musikschule ein Pilotprojekt durchgeführt und
bewertet.
Der Grundgedanke von JeKi, auch Kindern, die sonst nie mit einem Instrument in Berührung kämen, das aktive Musizieren zu ermöglichen, ist durhaus positiv. Wichtig ist jedoch, dass Eltern, die ihr Kind anmelden wollen, wissen, was der JeKi–Unterricht leisten können und was nicht, zumal sieja eine Verpflichtung für ein ganzes Jahr eingehen.
Auf dem Klavier ist der Einzelunterricht die vorherrschend. Gelegentlich finden auch Zweiergruppen zusammen. In den ersten Jahren, wo das Kind ja meist mehr oder weniger ohne Vorkenntnisse beginnt, gilt es einige grundlegende individuelle Hürden zu nehmen. Dies bringt die Notwendigkeit von Phasen intensiver, individueller Beschäftigung mit dem Kind mit sich. Der JeKi–Unterricht in einer Gruppenstärke von 4–6 Kindern ist hier schlichtweg überfordert.
Pädagogisch stellt JeKi selbst für erfahrene Klavierlehrer eine echte Herausforderung dar, die meiner Einschätzung nach nicht zufriedenstellend zu bewältigen ist. Im Gegensatz zu anderen Instrumenten hat nicht jeder Schüler ein eigenes Instrument im Unterricht. Daher können nicht alle Schüler gleichzeitig spielen. Zudem können unter Umständen bereits ein oder zwei "Rüpel" den Unterricht fast zum Erliegen bringen.
Realistischerweise können in einer Sechsergruppe nur zwei Kinder gleichzeitig am Klavier spielen. Ergeben sich bei einem Kind nun besondere Schwierigkeiten, ist es notwendig, sich mit einem einzelnen Kind zu beschäftigen. Selbst wenn man bemüht ist, die nicht spielenden Kinder mit Nebenaufgaben zu versorgen (laut mitzählen, dirigieren, assistieren, kontrollieren, singen, klatschen...), merken diese doch sehr schnell, dass dies für sie kein wirklicher Ausgleich für das Spielen am Klavier ist. Sie beginnen, sich zu langweilen und ärgern sich gegenseitig. Je mehr der Lehrer sich mit disziplinarischen Dingen beschäftigen muss, desto weniger Intensität bleibt dem einzelnen Kind.
Ich denke, dass der JeKi–Unterricht durchaus sinnvoll ist, um herauszufinden, ob ein Kind ein echtes Interesse am Klavierspiel entwickelt und um dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich überhaupt mit dem Erlernen eines Instruments auseinander zu setzen. Fortschritte, die auch nur annähernd denen des Einzelunterrichts oder der Zweiergruppe vergleichbar wären, überfordern das Konzept vollends.
Eine überdurchschnittliche Freude oder Begabung für das Klavierspies lzeigt sich meist nach einigen Monaten. Wenn das Kind besonders schnell lernt, setzt nun, wenn der Lehrer nicht wirklich aufpasst, eine Phase der Langeweile ein, die letztlich jegliches Interesse zu ersticken droht. An diesem Punkt wäre unter instrumental– pädagogischen Gesichtspunkten ein Wechsel zum Einzelunterricht angezeigt.
Momentan ist die Situation jedoch so, dass das Kindbzw. die Eltern ein ganzes Jahr vertraglich an den JeKi-Unterricht gebunden ist. Melden die Eltern ihr Kind nun pädagogisch folgerichtig zum Einzelunterricht an, müssen Sie die JeKi-Gebühren zusätzlich bis zum Ablauf des ganzen Jahres bezahlen.
Daher kann ich den JeKi-Unterricht im Fach Klavier nicht guten Gewissens empfehlen.